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Kunst, Literatur

Edwin Erich Dwinger – Die Armee hinter Stacheldraht

Dwinger Die Armee hinter Stacheldraht

Wenn ich etwas wirklich gerne lese, dann sind es Beschreibungen oder gar Bücher von Leuten, die sich in Extremsituationen befanden und hinterher darüber schrieben. Immer wieder trifft man auf solche Veröffentlichungen.

Seit frühester Kindheit habe ich gerne solche Geschichten von meinem Ersatz-Großvater Hans Lange gehört, der im zweiten großen Krieg Gruppenführer in einer Aufklärungskompanie an der Ostfront war und dabei ein Bein verloren hat. Wochenlang habe ich Nachmittage damit verbracht, ihm bei seinen Erzählungen zuzuhören. Wenn ich heute einen Bericht über das Leben eines Frontsoldaten in Rußland schreiben müßte, wahrscheinlich wäre er sehr authentisch, denn ich kann mich an viele kleine Details erinnern …

Nun habe ich bei meinem Freund Wulf im Bücherregal das Buch “Armee hinter Stacheldraht – Das sibirische Tagebuch” gefunden. In altdeutscher Schrift, anfangs etwas schwierig zu lesen. Aber ungeheuer interessant.

Edwin Dwinger war ja Kriegsfreiwilliger im ersten großen Krieg, er hat sich am ersten Tag zur Kavallerie gemeldet, im Alter von nur 17 Jahren. Sein Vater war schon Seeoffizier, und der Sohn Edwin wurde dann folgerichtig auch Soldat, aber in der Kavallerie: erst Fahnenjunker und dann Fähnrich. Bei einem Angriff auf eine russische Einheit wurde ihm fast das Bein abgeschossen, er kam schwerverletzt in Gefangenschaft. Und das zu Zeiten ohne Antibiotika und mit der russischen Chirurgietechnik von vor dreihundert Jahren. Alles anschaulichst geschildert.

Reicht das als Ausgangspunkt? Es ist wirklich ein sehr spannendes Buch.

Und man lernt viel dabei. Über die Denke in den jungen Leuten vor dem ersten großen Krieg. Warum hält man überhaupt seinen Kopf hin und reitet sehenden Auges in eine Kugelsalve? Aber auch über das, was der säkuläre Humanismus bzw. dessen Ausflüsse wie Kommunismus damals in den Menschen bewirkte, kann man viel lernen.

Doch das Buch geht nicht in erster Linie um eine Weltanschauung, das kann man allenfalls zwischen den Zeilen erahnen. Es geht mehr um das tägliche Leben, wie der Autor einer Amputation seines Beins entging, wie er sich in der Anfangszeit der russischen Gefangenschaft als Offiziersanwärter zu den Mannschaften gehalten hat, obwohl er in den wesentlich besseren Vehältnissen der Offiziere hätte leben können. Der Autor ist wirklich bemerkenswert bescheiden gewesen. Erst im dritten Jahr seiner Gefangenschaft kam er dann zu den Offizieren, was ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hat.

Edwin Dwinger hatte in Bezug auf den Krieg mit Russland eine Besonderheit, nämlich eine russische Mutter. Er sprach also Russisch wie ein Russe, bei denen er als Deutscher in Gefangenschaft war. Gebracht hat es ihm nach seinen Schilderungen nicht oft etwas, wenn aber, dann richtig. Beispielsweise bei einem Fluchtversuch, der eindrucksvoll gescheitert ist, ohne daß ihm etwas geschehen ist. Zwei seiner Kameraden sind dabei aber gestorben.

Wichtige Stationen sind Gefangenenlager, in denen 80% der Insassen gestorben sind, an Flecktyphus, an Unterkühlung, an Hunger, an Dreck, an Schlägen, an Einsamkeit und durch Selbstmord. 500,000 Kriegsgefangene waren damals in Russland, so viele wie noch nie zuvor in einem Krieg. Verglichen mit den Zahlen im zweiten großen Krieg erscheint es lächerlich wenig.

Edwin Dwinger hat das Buch einer Schwedin namens Dr. Elsa Brandsröm gewidmet, die für das Internationale Rote Kreuz in den Gefangenenlagern unterwegs war und für viele entscheidende Verbesserungen gesorgt hat. Er hat sie in seiner Gefangenenzeit zwei Mal persönlich getroffen.

Was ich bisher nicht gewußt habe ist, daß die Amerikaner in 1917 die zaristischen Russen von der russischen Ostküste aus mit großen Mengen an Kriegsmaterial versorgten, was erheblich zu deren Stärkung beigetragen hat. Das Buch ist darüber relativ ausführlich, denn Dwingers Gefangenenlager war an der Transsibirischen Eisenbahnlinie gelegen.

Die Gefangenen wurden auch von einer Revolution überrascht, bei der sich eine rote Armee und eine weiße Armee herausgebildet haben. Die rote Armee war mehr ein disziplinloser aber schlauer Haufen von Räubern, während die weiße Armee von den traditionellen zaristischen Soldaten gebildet wurde. Die Gefangenen haben einen Wechsel von zaristischen Bewachern zu Bewachern aus der roten Armee und zu Bewachern der weißen Armee mitgemacht. Sehr interessant, wie das auf die Randbedingungen der Gefangenschaft gewirkt hat.

In Gefangenschaft waren Deutsche, Österreicher und Türken zusammen. Das waren schließlich Alliierte im ersten großen Krieg. Jeder Deutsche, der heute über Türken schlecht redet, sollte sich das einmal verdeutlichen. Die Türken sind unsere alten Freunde und wenn man sich in der Türkei unter gebildeten Leuten bewegt, dann spürt man oft diese germanophile Grundhaltung. Es ist einfach unwürdig, unspezifisch schlecht über die Türken zu reden.

Kosaken sind Muslime, auch das habe ich erst durch das Buch erfahren.

Schließlich bekommen die Kriegsgefangenen die Niederlage des Kriegs mit. Das zerstört alle Hoffnung und Lebensfreude. Einige gefangene Offiziere wie ein gewisser von Seydlitz heuern als Offiziere bei der weißen Armee an.

Das ganze Buch zeichnet sich durch eine sehr lebensnahe Schilderung aus, es ist überaus spannend geschrieben. Es finden sich geradezu schamlos anschaulische Beschreibungen zu eigenen und fremden Verwundungen, Krankheit, Sterben, Homosexualität und Unreinheit.

Wenn man die zahlreichen Ortsangaben im guten alten Diercke-Weltatlas von 1976 nachschaut, dann erschrickt man. Die waren damals hinter dem Baikalsee an der chinesischen Grenze eingesperrt, 12,000 km weit weg von daheim! Und das alles mit Eisenbahntransporten, die sich im Schneckentempo bewegten. Alles spielt sich an der Südgrenze Rußlands ab, im Atlas sieht man erst, wie weit es noch nach Norden geht. Rußland ist wirklich ein riesiges Land!

Einziges Manko an dem Buch: der Autor ist kein Christ sondern ein – echt schlauer -Intellektueller. Das merkt man daran, daß ihm auffällt, daß der geistige Verfall in Gefangenschaft viel schlimmer ist als der körperliche Verfall. Allerdings hat Dwinger dazu nichts Helfendes gefunden, außer einem täglichen Spaziergang. Dadurch wird dieses spannende Buch seltsam leer. Hoffentlich hat er sich vor seinem Tod noch bekehrt.

Das Buch gibt viele Startpunkte für weitere Recherchen. Das Internet macht es ja möglich. Wer war diese Dr. Brandström? Was ist aus von Seydlitz geworden? Wie kommen US-Waffen zum Zar? Was hat den Autor getrieben, für die weiße Armee zu arbeiten und was hat er da getan? Wie verlief sein weiteres Leben? Usw. usw.

Der Autor lebte jedenfalls noch bis 1981 in der Nähe von Seeg im Allgäu. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, wurde – natürlich – von den Nazis eingespannt, war im zweiten großen Krieg Berichterstatter in Rußland. Nach dem Krieg wurde er als Mitläufer entnazifiziert und schrieb 1957 noch ein großes Science Fiction Buch über einen Atomkrieg 1965, wie er hätte sein können.

Seine Bücher waren in der “DDR” verboten, was ja an sich schon mal nicht schlecht ist. Die Nazis haben ihm wegen eines Treffens mit einem sowjetischen General Hausarrest verpasst. Im Internet steht, daß er zwar national war und auch ein Sozialist (wahrscheinlich eher Humanist), aber eben nicht so darwinistisch-rassisch wie die Nationalsozialisten.

Ich werde jedenfalls versuchen, die anderen Bücher von Dwinger zu bekommen. Ich werde sie gleich in meine Flohmarktliste reinstellen.

Links auf Dwinger-Informationen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Edwin_Erich_Dwinger
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/DwingerEdwinErich/
http://www.polunbi.de/pers/dwinger-01.html
irgendwie sagen die drei Quellen oben alles das Gleiche, es liegt fast Wortidentität vor.
http://www.theodor-frey.de/dwinger.htm relativ aufwendige Seite, dort habe ich folgende Einschätzung eines Herrn Karl Schlögel gefunden:

“Edwin Erich Dwinger … ist eine Monumentalgestalt der deutschen Trivialliteratur.

Sein Werk ist überaus umfangreich, es spielt in drei verschiedenen Epochen – Weimarer Republik, Drittes Reich, Nachkriegs-Westdeutschland. Seine Bücher haben Riesenauflagen erlebt und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Dwinger wurde zeitweilig als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Er war ein Parteigänger der nationalbolschewistischen und extremen Rechten. Seine Themen sind dem „europäischen Bürgerkrieg“ entnommen. Zudem lassen sich alle Topoi deutscher Faszination durch “den Osten” an diesem “Chronisten seiner Zeit” – von “Armee hinter Stacheldraht” (1929) bis zu den “12 Gesprächen” (1966) – zeigen.

Das Seltsame ist: Mit dem Mann und seinem Werk hat sich bisher niemand (sieht man von seiner Randexistenz bei Klaus Theweleit ab) auseinandergesetzt. Das sagt nicht nur über ihn etwas aus, sondern auch über die Germanistik und Geschichte im Deutschland nach Hitler.”

Dem kann ich nichts hinzufügen. Interessant war auch das Buch “Und Gott schweigt” aus dem Jahr 1936.

Das bespreche ich in einem weiteren Artikel.

(300 S., 57.-66. tausendste Auflage 1929, Eugen Diederichs Verlag, Jena)

(02/2009)

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